Überwinterung Europäischer Landschildkröten

SIGS-Merkblatt Nr. 7

Das erstaunliche Phänomen "Winterschlaf" zwingt uns Warmblüter Mensch, das Gefühl beiseite zu lassen und dafür den Kopf einzusetzen. Mitleid mit den Tieren, die nun für mehrere Monate in eine kalte, feuchte Kiste gesetzt werden und dort ohne Licht und Nahrung verharren sollen, ist völlig fehl am Platz. Lassen Sie sich trotz allfälligen Misserfolgen nicht von der Idee des Winterschlafs abbringen. Finden Sie heraus, was an Ihrer Überwinterungsmethode zu verbessern ist. Wenn Sie etwas unsicher sind, nehmen Sie Kontakt mit weiteren Haltern auf, die schon seit Jahren das "merkwürdige" Ereignis Winterschlaf mit Erfolg stattfinden lassen.

Halten Jungtiere auch einen Winterschlaf ?

Auf jeden Fall ! Denken Sie an die Natur: Die Schlüpflinge und Jungtiere haben genau die gleichen Bedingungen wie die erwachsenen Tiere. Es lohnt sich auf jeden Fall, schon mit den Schlüpflingen einen korrekten Winterschlaf durchzuführen.


Winterschlaf schon ab Schlupfjahr gibt kräftige Tiere.
Jüngere Breitrandschildkröte (
Testudo marginataTestudo marginata) 
Foto: Stefan Kundert

Die kürzer werdenden Tage und die veränderten Temperaturverhältnisse lassen die Schilddrüse, den eigentlichen Schrittmacher des Stoffwechsels, ihre Tätigkeit reduzieren. Die Tiere werden deutlich träger, die Fresslust nimmt ab. Gerade jetzt ist es wichtig, die Tiere genau zu beobachten: Fressen sie wegen genau dieser Vorbereitung weniger, oder stimmt doch etwas nicht mit ihnen ?

Mögliche Überwinterungsorte in Menschenobhut:

  • Freiland
  • Frühbeetkasten
  • Innenraum
  • Kühlschrank

1. Freiland

In der Natur bieten Buschwerk und geschützte Hanggebiete Winterunterkünfte. Im mediterranen Klima sinken die Temperaturen in diesen Verstecken äusserst selten unter den Gefrierpunkt. Bei uns kann es durchaus zu Frost bis weit unter die Erdoberfläche kommen. Bedenken Sie auch die Föhntage, die die Tiere an die Oberfläche locken. Darauf folgender Frost kann zum Tod der Tiere führen. Zudem müssen Mäuse und Ratten oder sonstige Räuber abgewehrt werden können.

2. Frühbeetkasten

Eine sichere Unterkunft bieten Frühbeetkästen. Sie können auf Eichenschwellen gestellt werden. Das Erdreich wird grossräumig ausgehoben und mit einem Erde-Laubgemisch gefüllt. Feuchten Sie den Untergrund grosszügig an. Wenn sich die Tiere dann eingegraben haben, füllen Sie den Kasten mit dürrem Laub auf. Buchenlaub ist vorzuziehen.


Ein Frühbeetkasten eignet sich ebenfalls zur Überwinterung
von Europäischen Landschildkröten.
Foto: Stefan Kundert

Kontrollieren Sie die Feuchtigkeit. Die Tiere haben oft zu trocken und überleben deswegen den Winterschlaf nicht.

3. Innenraum

Lichtschächte, Kellerräume oder dergleichen müssen vorgängig getestet werden. Sie sollten sehr träge auf Temperaturschwankungen reagieren und auf 4 - 6 °C abkühlen. Verwenden Sie einen Minimum/Maximum-Thermometer. Es können Frostwarngeräte eingesetzt werden. Eine dunkle, feuchte Umgebung muss gewährleistet sein.

4. Kühlschrank

Diese Art erfreut sich zunehmender Beliebtheit und garantiert bei sachgerechter Handhabung wohl das höchste Mass an Sicherheit. Die Temperatur ist konstant, die Tiere können jederzeit kontrolliert werden. Das Aufwachen liegt in Ihrer Hand. Sie können sich bei Beenden des Winterschlafs im Frühjahr nach dem Verlauf des Wetters ausrichten. Auch mit dieser Methode müssen die Tiere in genügend feuchtem Substrat untergebracht werden. Viele Halter praktizieren diese Methode seit Jahren mit grosser Zufriedenheit. Der Luftaustausch wird durch einmal wöchentliches Öffnen der Kühlschranktüre gewährleistet. Haben Sie keine Angst wegen unzureichender Sauerstoffversorgung. Die Tiere sind auf einem Minimum an Stoffwechselaktivität, so dass auch der Sauerstoffverbrauch und die CO2 Produktion entsprechend niedrig sind. Bedenken Sie, dass es ein technisches Gerät ist, das versagen könnte. Kontrollieren Sie regelmässig mit dem Thermometer, ob der Thermostat funktioniert und die Stromversorgung aufrechterhalten ist.

Beurteilung der Überwinterungsorte

   Vorteile  Nachteile  Beurteilung
 Freiland
  • Natürlich
  • Meist mit wenig Arbeit verbunden, da die Tiere ihr Winterquartier selbständig beziehen.
  • Viel Platz
  • Schlechte Kontrollmöglichkeit.
  • Ungewissheit über den Temperaturverlauf.
  • Achtung: Mäuse, Ratten oder dergleichen.
 Frühbeetkasten
  • Natürliche Umgebung.
  • Meist mit wenig Arbeit verbunden.
  • Tiere bestimmen ihren Rhythmus selbst.
  • Schutz vor Ratten und Mäusen.
  • Kontrolle beschränkt.
  • Abdecken, wenn Sonneneinstrahlung zu intensiv.
 Innenraum
  • Gut zu kontrollieren.
  • Meist konstante Verhältnisse.
  • Oft zu warm, d.h. über +8° C.
  • Gefriergefahr im Lichtschacht.
  • Ratten, Mäuse.
 Kühlschrank
  • Gut zu kontrollieren.
  • Konstante Verhältnisse
  • Dauer und Temperatur sind zu gut zu steuern.
  • Feuchtigkeit muss gut kontrolliert werden.
  • Luftaustausch wöchentlich gewährleisten.
  • Tiere bereiten sich nicht selbst vor.
  • Platzprobleme bei grossen Beständen.

Vorsichtig handzuhaben.    Unter Vorbehalt zu prüfen.    Kann empfohlen werden


Winterschlaf gehört zum natürlichen Rhythmus der Europäischen
Landschildkröten. 2 - 3 jähriges Jungtier der Breitrandschildkröte (Testudo marginata).
Foto: Stefan Kundert

Vorbereitung

Die Tiere können sich, unabhängig wie sie überwintert werden, vorerst selbständig im Aussengehege vorbereiten. Sie können aber auch vorübergehend in einem Innengehege untergebracht werden. So kann auch jedes Tier noch einmal einzeln beurteilt werden. Anschliessend müssen die Temperaturen und das Licht schrittweise in einem Zeitraum von 3 Wochen reduziert werden. Das Futter wird entzogen. Flüssigkeit soll aber weiterhin zur Verfügung stehen. Sind die Tiere dann inaktiv geworden, werden sie in die vorbereiteten Kisten verbracht. Das Substrat muss genug feucht sein. Bringen Sie Löcher an, damit die Luft etwas zirkulieren kann. Prüfen Sie vorher, wie viel Kisten Ihr Kühlschrank aufnehmen kann und wie zuverlässig seine Kühleigenschaften sind.

Substrat

Sie können ein lockeres Erde-Laubgemisch oder Rindenmulch verwenden. Das Substrat muss bis in die untersten Schichten gut angefeuchtet werden. Heu ist wegen Schimmelbildung ungeeignet. Dürres Buchenlaub sorgt für ein lockeres Gemisch.

Behälter

Zur Unterbringung für die Innenüberwinterung eignen sich Kisten oder Plastikcontainer wie Rubbermaid R oder Raaco R. Die Höhe soll etwa 3 mal die Panzerlänge betragen, die Substrathöhe beträgt etwa 2 mal die Panzerlänge. Die Grundfläche soll etwa die vierfache Panzerfläche betragen. Decken Sie offene Behälter so ab, dass Luft zirkulieren kann, aber ein Austrocknen verhindert wird.

Das Tier schläft nicht:
 
  • Stimmt die Temperatur? Liegt sie bei +4 bis +6° C ?
  • Ist die Umgebung dunkel und ruhig ?
  • Ist das Substrat feucht genug ? Ist das Tier durstig ?
  • Hat das Weibchen alle Eier abgelegt? Lassen Sie dies mit Röntgen abklären.

Optimieren Sie alle diese Punkte. Weiterhin unruhige Tiere müssen untersucht werden.

Erwachen: Wann ?

Die Tiere haben eine innere Uhr. Meist beginnt die Unruhe im März. Tiere, die im Kühlschrank überwintern, warten auf Ihr Einwirken. Sie werden von Ihnen schonend, schrittweise in den Frühling begleitet. Im Frühbeetkasten kann ab März die isolierende Laubschicht entfernt werden. Die meisten Tiere beginnen nach ausgiebigen Sonnenbädern schon nach wenigen Tagen wieder mit der Nahrungsaufnahme. Sie schätzen ein Bad, um wieder auftanken zu können.

Wasserhaushalt

Bevor die Tiere endgültig in den Winterschlaf abtauchen, sollten sie noch trinken können. Denken Sie daran, dass die meisten Schildkröten nur badenderweise trinken ! Dabei setzen sie oft Kot und Harn mit dem weissen Anteil Harnsäure ab. Die Tiere dürfen bis 2 Monate vor dem Winterschlaf nicht mehr entwurmt werden. Nach Behandlung mit Medikamenten sollten die Tiere noch 6 Wochen warm gehalten werden.

Kranke Tiere dürfen nicht in den Winterschlaf gebracht werden.

Wichtiges in Kürze

Wer ? Welche Arten ?

  • Griechische Landschildkröte (Testudo hermanni)
  • Maurische Landschildkröte (Testudo graeca)
  • Breitrandschildkröte (Testudo marginata)
  • Weitere Arten: Fragen Sie die SIGS !

Gewicht ab jeder Grösse. Ab Schlupfjahr bis ins Alter.

Bedingungen:

  • Temperatur: + 4 bis + 6° C
  • Feuchtigkeit: Sehr hohe Substratfeuchtigkeit
  • Sonstiges: Dunkelheit, Ruhe

Dauer: 

  • Einleitung im Herbst: 3 - 4 Wochen
  • Schlafdauer: 3 - 5 Monate

Wo:

  • Vorbereitung: Freiland, Innenraum
  • Schlaf: Freiland, Frühbeetkasten, Lichtschacht, kalter Innenraum, Kühlschrank.

Achtung:

  • Das Umgebungssubstrat muss feucht gehalten werden.

 

 Verfasser: Ursula Eggenschwiler

Quellennachweis: SIGS, SCHILDKRÖTEN-INTERESSENGEMEINSCHAFT SCHWEIZ

 

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